Pressemitteilung 27. November 2014

Entwurf zum Präventionsgesetz halbherzig: Diabetes Typ 2 vorbeugen bleibt nationales Gesundheitsziel – aber gesamtgesellschaftlicher Ansatz ist verfehlt

Bei der gestrigen Anhörung zum Präventionsgesetz begrüßten Vertreter von diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe, dass „Diabetes mellitus Typ 2 – Erkrankungsrisiko senken, Erkrankte früh erkennen und behandeln“ als primäres nationales Gesundheitsziel im Gesetzesentwurf explizit genannt wird. In der schriftlichen Stellungnahme konstatiert diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe jedoch, dass der auch von WHO und UN geforderte Paradigmenwechsel von der Verhaltens- zur Verhältnisprävention sowie der „Health in all policies“-Ansatz fehlen. Prävention ist eine komplexe gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die nicht nur in der Eigenverantwortung des einzelnen Menschen liegen kann. Dessen Möglichkeiten zur nachhaltigen Verhaltensänderung sind durch genetische, medizinische, kognitive sowie sozio-kulturelle Gegebenheiten unterschiedlich ausgeprägt. Gesundheitsförderung ist dann nachhaltig, wenn sie verbindlich in Regelstrukturen integriert wird, die alle Gesellschaftsschichten im frühen Alter erreicht (insbesondere Kita und Schulen) und darüber hinaus sollten politische Maßnahmen in allen Politikbereichen „kongruent“ sein, das heißt, konsequent auch auf einen Beitrag zur gesundheitsförderlichen Wirkung hin formuliert werden (zum Beispiel Handels-, Fiskal-, Bildungspolitik, Stadtplanung/Städtegestaltung). Um den Anstieg der Diabeteserkrankungen aufzuhalten, müssen bevölkerungsbezogene und auf die Einzelperson bezogene Ansätze ineinandergreifen.

Die im Referentenentwurf für das Präventionsgesetz aufgelisteten Gesundheitsziele seien als Ergebnis eines standardisierten nationalen Prozesses im Forum Gesundheitsziele.de festgelegt, im Bundes-Anzeiger so veröffentlicht und damit „gesetzte Begriffe“, so Regina Kraushaar, Vorsitzende der Anhörung und Leiterin der Abteilung 4 – Pflegesicherung und Prävention im Bundesgesundheitsministerium. Sie widersprach damit der Auffassung vereinzelter Organisationen, eine Auflistung konkreter Gesundheitsziele gehöre nicht in das Gesetz und werde später sowieso noch von der zu bildenden „Präventionskonferenz“ festzulegen sein.

„Damit scheint das Ziel erreicht, die Prävention des Diabetes mellitus Typ 2 prioritär im Präventionsgesetz zu verankern“, begrüßte Prof. Danne, Vorstandsvorsitzender von diabetesDE, die aktuelle Entwicklung. „Das ist auch notwendig“, so Danne. Die Bundesregierung trage damit dem Umstand Rechnung, dass Diabetes eine weitverbreitete Volkskrankheit in Deutschland ist: „Wir sind an achter Stelle unter den Top 10 in der Welt und wir sind Europameister im Diabetes Typ 2. Damit sind die Vermeidung von Diabetes Typ 2 und die Senkung der Risikofaktoren ganz klar eine zentrale Aufgabe für die Prävention.“
Auch die Weltgesundheitsorganisation und die Vereinten Nationen haben hier ein deutliches Zeichen gesetzt: hinsichtlich der chronischen, Lebensstil-mitbedingten Krankheiten wurden nur zwei globale krankheitsbezogene Ziele formuliert: „Den Anstieg von Adipositas und Diabetes stoppen!“ Dazu sei es notwendig, auch die Umgebung, in der wir leben, gesundheitsförderlich zu gestalten, so Prof. Danne: „Wir müssen es den Menschen leichter machen, sich gesund zu verhalten. Unser tägliches Umfeld steht notwendigen Verhaltensänderungen aber diametral entgegen, angefangen vom Süßigkeiten- und Softdrink-Verkauf an Schulen, ausfallendem Sportunterricht sowie fehlender qualitätsgesicherter Verpflegung an Schulen und Betrieben“, so der Kinder- und Jugendarzt und Vorstandsvorsitzende von diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe.

Es sei beklagenswert, dass wir immer noch eine an Kinder und Familien gerichtete Werbung für zu süße, zu fettreiche, zu salzige Lebensmittel hätten und gleichzeitig einfach verständliche Nährwertinformationen auf der Schauseite verpackter Lebensmittel fehlen würden. „Wir brauchen eine Zucker – und Fettsteuer, um das gesunde Verhalten leichter zu machen, einfache Kaufentscheidungshilfen für gesündere Lebensmittel und die an Kinder gerichtete Werbung für ungesunde Lebensmittel muss eingeschränkt werden“, sagt Danne. In der internationalen Diskussion vollzieht sich zurzeit ein Paradigmenwechsel hin zu einer stärkeren Berücksichtigung von populationsbezogenen, verhältnispräventiven Maßnahmen
Die WHO empfiehlt deshalb höhere Steuern auf Tabak, Alkohol und verarbeitete Lebensmittel mit hohem Fett-, Zucker- und Salzanteil. Sie fordert außerdem, die Werbung für derartige Produkte einzuschränken, insbesondere die auf Kinder zielende Vermarktung. „Diese WHO-Empfehlungen wurden auch von der Bundesregierung befürwortet, finden aber im vorgestellten Gesetzesentwurf keine Berücksichtigung. Das muss sich ändern“, ergänzt Danne. Eine Präventionspolitik, die vorrangig auf die Verantwortung des Einzelnen für seine Gesundheit setzt, verkenne die Tatsache, dass sowohl ungünstige Erziehung als auch eine ungünstige genetische Disposition es Menschen sehr schwer machen könne, einen gesunden Lebensstil zu verwirklichen.